Erlebtes, Leben, Medizin

Kaninchen mit Radialislähmung

2 Comments 29 April 2008

Kaninchen sind erstmal Tiere die bloß gezüchtet wurden weil Sie lecker sind und man tolle Kleidung daraus fertigen kann, die auch noch wärmt. In Zeiten wo es keinen MC Donalds oder Supermarktketten gab waren Kaninchen eine tolle Sache. Man nahm auf langen Reisen einfach ein Kleingehege voller Kaninchen mit und konnte sich sicher sein, dass es genug zu Essen gibt. Ist klar, oder? Kaninchen haben einen außergewöhnlich ausgeprägten Geschlechtstrieb und sind von der Ernährung her auch eher anspruchslos. Gräser, Heu und natürlich Löwenzahn oder sonstige Kräuter fand man auch damals schon ausreichend und vor allem kostenlos an jeder Reiseroute.

Unter diesem Gesichtspunkt kommt die folgende Geschichte sicherlich etwas übertrieben daher, aber das Verhältnis vom Menschen zum Kaninchen hat sich seitdem etwas gebessert. Sicherlich findet man immer noch das eine oder andere hartgefrorene Kaninchen in Deutschlands Tiefkühltruhen. Aber in einer Zeit wo kaum noch jemand sein Essen selber erlegt, (was übrigens zu einem sprunghaften Anstieg der Vegetarierstatistik führen würde, wenn jeder das Essen, das er Essen möchte selber erlegen müsste) sind Kaninchen eher zu Haustieren geworden, die man knuddeln kann.

Also die Entscheidung steht. Man möchte ein Kaninchen und wie es der Zufall so will, muss man plötzlich gar keines mehr kaufen, sondern bekommt eines angeboten. Getreu dem Motto: „einem geschenktem Gau schaut man nicht ins Maul.“ Erteilt man eine Zusage ohne das Vieh vorher jemals gesehen zu haben. Immerhin, der Deal war: „Kaninchen mit Außengehege, Stall, Fresspötten, Heu, etc… für 0,00€“ Der Haken an der Sache war ertragbar, das Kaninchen war einfach: „Ich sag mal kackhäßlich!“ [siehe Bild]

Weil man aber eigentlich etwas knuddeliges, dropziges möchte und man durch Zufall in Internetforen oder Blogs gelesen hat, dass es beinahe schon an Tierquälerei grenzt ein Kaninchen alleine zu halten, ist die Entscheidung sich ein zweites zu holen nicht fern. Wir entschieden uns für ein Männchen, weil wir gehört haben, dass sich Männchen und Weibchen wohl besser vertragen. Also, in den nächsten Raifeisenmarkt und Kaninchen gekauft. Ein niedliches, putziges Kaninchen in braun mit Schlappohren. Jetzt konnte man endlich einem kleinen Wesen all die Liebe schenken, die man diesem hässlichen Kaninchen nicht geben konnte.

Aber, die süßen sind ja meistens die Problemfälle. So endeckten wir nach einigen Tagen, eine Wunde an dem Fell des Kaninchens. Es sah tumorartig aus und Wundwasser trat aus. Also irgendwie unschön aber nicht besorgniserregend.

Damit die beiden Ihren, wie ja schon beschrieben, ausgeprägten Sexualtrieb nicht auf unsere Kosten ausleben und weil wir keine Kondome in der Größe gefunden haben. Sollte der kleine niedliche kastriert werden. Eine Kastration unter Narkose beim Tierarzt kostet 50,00€. Ein Arbeitskollege machte mir den Vorschlag die Kastration kostenfrei bei seinem Bruder durchführen zu lassen, dieser würde die Eier des Kaninchens über den Rand eines Gullideckels legen, und dann den schweren Deckel fallen lassen, sodass Ihm die Eier abgekniffen werden. Wir entschieden uns schlussendlich trotzdem für den Tierarzt, da die Tumorwunde auch behandelt werden sollte. Ja, schlussendlich ist die Operation gut verlaufen und der Tumorknubbel wurde entfernt. Es waren Haare, die aus welchem Grund auch immer nach innen gewachsen sind. Eier gab es nicht abzukneifen, da der Tierarzt feststellte, dass es sich um ein Weibchen handelte. Der Name Findus bleibt trotzdem.

…Monate später

Dann kommt der Tag. Sie gehen hoch „In die Wohnung des Kaninchens“ (ich übertreibe etwas, aber das [die] Kaninchen haben ein eigenes Zimmer unter dem Dachstuhl) und sehen, dass das niedliche der beiden Kaninchen doch stark humpelt. Also wirklich gar nicht gut geht. Man guckt sich das ganze eine gewisse Zeit an, aber als Mensch mit einer ausgeprägten Empathie hält man die Situation einfach nicht lange aus. Vor allem dann nicht, wenn einem noch eine Frau, mit noch viel stärker ausgeprägter Empathie im „Nacken“ sitzt. Also Kaninchen eingepackt und zum Tierarzt damit. Die Diagnose kam prompt. Luxation der Patella evtl. durch einen Bänderriss. Der Bewegungsablauf des Kaninchens sah deshalb so jämmerlich aus, weil bei jedem Schritt die Kniescheibe dislozierte. Was auch schon mal Schmerzen machen kann. Aber der Tierarzt befand die Sache, Gott sei Dank, als ertragbar und verordnete erstmal: „abwarten“. Kosten: „5,00 € für die Untersuchung“

Wie kann sowas überhaupt passieren? Ich meine unser Kaninchen ist ja kein Extremsportler, der sich derart verletzen kann, dass seine Kniescheibe durch einen Riss der haltenden Bänder, Ihren Platz verlässt? Wir vermuten, dass er in seinem Käfig irgendwo hängen geblieben ist und da Kaninchen ja Fluchttiere sind, hat er wohl so stark gestrampelt, dass durch diese heftigen Bewegungen die Patellasehne gerissen ist. Aber der Tierarzt sollte recht behalten. Abwarten schien wohl die beste Therapie zu sein, denn der Zustand besserte sich erstmal soweit. Bis uns eines Tages auffiel, dass das Kaninchen auf den Vorderläufen auch sehr merkwürdig läuft. Bei genauerem hinsehen war zu erkennen, dass die linke Pfote immer angewinkelt blieb. [Siehe Skizze. ] Das Kaninchen läuft quasi permanent mit „der Handrückseite“. Entscheidung? Im Grunde klar, bevor ich den Hasen zum Bruder meines Arbeitskollegen gebe der ihn mit Schraubstock und Bunsenbrenner wieder gesund macht, kommt der kleine wieder zum Tierarzt.

Die Diagnose diesmal: Radialislähmung! Dieses Wort erkläre ich mal direkt hier. Der Nervus radialis ist der Nerv, der die Streckmuskulatur des Ellenbogens, der Handgelenke sowie der Finger innerviert. Vorstellbar wie bei einem Roboter kabel zum Motor des „Armes“ laufen. So laufen bei Säugetieren Nerven zu den einzelnen Muskeln. Das Ganze funktioniert wie bei einem Roboter über Stromimpulse. Wir dieses Kabel, der Nerv an irgendeiner Stelle unterbrochen, durch einen Riss oder sonstige Leitungstörungen, kann der Nerv dem Muskel nicht mehr sagen: „Streck dich!“ und die Pfote bleibt in hängender Stellung. Sie Grafik oben.

Jetzt wird die Sache schon etwas haariger, denn die Behandlung einer Radialislähmung besteht in der Regel in der Amputation der betroffenen Gliedmaße. Macht auch durchaus Sinn. Wenn ein Tier dauerhaft mit der Außenseite der Pfote läuft, wird die Haut dort in der Folge irgendwann „durchscheuern“. Ist klar, wenn Sie sich mal vorstellen sie würden immer auf den Händen laufen und dann noch mit der Handaußenseite auf dem Boden, würde es wohl nicht lange dauern, bis die Haut weg ist und Sie sich sozusagen das Innenleben mal angucken können.

Wir entschieden uns erstmal gegen eine Amputation. Aus folgendem Grund: (und hieraus soll auch ersichtlich werden, dass das nur für Kleintiere gelten kann. Nicht für Hunde oder Katzen mit Radialislähmung.) Wir wollten unser Kaninchen jetzt nur noch im Käfig halten und den Boden mit Streu und Baumwollteppich als Grundlage so weich wie nur möglich abpolstern um ein Wundlaufen zu vermeiden. Desweiteren begann ich mit den behindertengerechten Umbaumaßnahmen des Käfigs. Um jegliche Verletzungsgefahr auszuschließen und die ADLs (Activitys of daily Living) des Kaninchen so einfach wie möglich zu strukturieren. Diese Umbaumaßnahmen hielten sich erstmal in Grenzen. Das zu Hause des Kaninchens ist ein Doppelstall, also zwei Käfige, die nebeneinander stehen. Da diese Kleintierställe alle aus Wannen als Grundlage bestehen, musste der Hase bisher immer über eine Hürde von ca 15 cm springen. Das sollte jetzt ein Ende haben. Die erste Überlegung war eine Rampe, über die er laufen sollte, diese wurde von Ihm aber nicht genutzt. Schlussendlich habe ich die Wanne an den Randseiten einfach auf einer Breite von ca. 30 cm aufgeschnitten und so quasi eine Tür eingebaut, durch die er einfach durchgehen kann. Desweiteren musste nur noch der Boden rutschfest gemacht werden. Die erste Überlegung wurde mit Styropor umgesetzt, welches von den Kaninchen zeitnah zerstört wurde. Letztendlich wurde die Rutschfestigkeit durch Teppichbelag umgesetzt. Konsequenterweise hätte man nun die Toilette noch auf Bodennähe absenken müssen. Das währe aber meiner Meinung nach zu weit gegangen. Also küttelt das Kaninchen jetzt halt einfach auf den Boden.

Desweiteren wurde vom Tierarzt eine verhältnismäßig hohe Dosierung Kortikosterioide verabreicht. Soweit ich noch weis, meine ich es handelte sich um Prednisolon. Da man als Auslöser der Lähmung von einem Unfall ausgehen kann, wurde das Prednisolon direkt in den Oberarm des Kaninchens gespritzt, weil der Tierarzt davon ausging, dass die Lähmung auch durch eine starke Schwellung in diesem Bereich ausgehen könnte. Wenn auf einen Nerv Druck ausgeübt wird, z.B. durch eine Schwellung, kann das eine Lähmung auslösen. Die Kosten für diese Behandlung betrugen 20,00 €.

Da meine Freundin Physiotherapeutin ist, behandelte Sie das Kaninchen außerdem noch mit Physiotherapie. Die Theorie ist eigentlich klar: „Wenn man die gelähmte Pfote durch Durchbewegung oder Massage reizt, könnten die Nerven wieder lernen die entsprechenden Muskeln zu innervieren. Wenn Sie nicht vollständig durchtrennt sind“ Also bekam das Kaninchen von da an 2-3 mal täglich für ca. 15 Minuten Physiotherapie.

Flexion und Extension (passives Durchbewegen, siehe Bild)

Pfote auf weichen Untergrund klopfen (siehe Bild)

Das ganze immer im Wechsel. Kaninchen machen die ganze Prozedur in sitzender Haltung mit ausreichend Rückenhalt eigentlich gut mit.

Die Physiotherapie schlug wunderbar an, und nach ca. 2 Wochen strikter Physiotherapie, läuft Findus wieder auf allen seinen Beinen.

Dieser Bericht soll denen Mut machen die ebenfalls kranke Kaninchen zu Hause haben!

schwachnajamittelgutgrandios (bisher unbewertet)
Loading ... Loading ...

Kommentare

2 Kommentare bisher

  1. Johanna sagt:

    Die Geschichte ist wirklich reizend!!! Ich habe selber ein Kaninchen und weiss daher, dass mit viel Liebe und Gedult sehr viel erreicht werden kann. Ausserdem sind Kaninchen im Durchschnitt sehr gute kleine Patienten, wenn sie merken das man es gut mit ihnen meint.
    Viel Gluck und Spass mit eurem Findus.

    Alles Liebe,

    Johanna

  2. Tobias sagt:

    Hey Johanna,

    Danke für deinen Kommentar. Dem kleinen geht es inzwischen ja wieder prächtig. Es ist also nichts zurückgeblieben und wir haben viel Freude an dem süßem.
    Aber du hast vollkommen recht. Ich hätte es anfangs auch nicht für möglich gehalten, dass der mal wieder wird, und habe mich Gott sei Dank getäuscht.


Teile deine Ansicht

Hinterlasse deinen Kommentar

Tweets

Bedeutsamer Wortschwall

…ich war gespannt und bin begeistert — B. Schulte

© 2009 Bootreisestab. Powered by Wordpress.